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Biologische Station Krefeld

Waldkiefern
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Waldkiefern auf dem Hülser Berg

von Werner Stenmans, Ulrich Jäckel & Martin Sorg

 

Die Waldkiefer (Pinus sylvestris) ist ein imposanter Waldbaum, der ein Alter von bis zu 600 Jahren erreichen kann. Der Mensch hat seit langer Zeit die Kiefern nicht nur wegen ihres Holzes genutzt, sie sind daher auch kulturhistorisch ein interessantes Thema. Die Herstellung von Terpentin aus dem Harz, ebenso wie die Verwendung des Harzes als Zahnersatz zählen zu den früheren Anwendungsgebieten. "Kiefer" bedeutet soviel wie "Kien tragender Baum" und die harzreichen Kienspäne waren ehemals oft einziges Beleuchtungsmittel. Aus dem Holzteer wurde Kienöl (für Lampen) sowie Schusterpech gewonnen, die Nadeln als "Waldwolle" (Stopf- und Füllmaterial) genutzt und die jungen Zweigspitzen wegen ihres hohen Vitamin C-Gehaltes gegessen.

Das an ätherischen Ölen reiche Kiefernnadelöl wird heute noch arzneilich als Inhalationsmittel bei Krankheiten der Atemwege verwendet. Die Kiefer (d.h. die Gattung Pinus) ist erdgeschichtlich seit langen Zeiträumen belegt. Vom Harz einer heute nicht mehr existierenden Art dieser Gattung wurde z.B. der Baltische Bernstein gebildet, ein fossiles Harz, in dem zahlreich kleine Lebewesen, in oft perfekter Erhaltung viele Millionen Jahre überdauert haben. Heute oft als Schmuckstein verwendet, aber eben auch in vielen Museen anzutreffen, zeigen uns diese fossilen Harze einen Einblick in die Lebensgemeinschaft eines vor kaum vorstellbaren Zeiträumen existierenden Waldes (Abb. 1).

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Abb. 1: Grabwespe Passaloecus munax SORG.

Diese Art sammelt das Kiefernharz ein um damit ihr Nest zu verschließen (SORG 1986).

Am Niederrhein zählen die Waldkiefern zur sogenannten "potentiell natürlichen Vegetation", allerdings nur unter ganz bestimmten Standortbedingungen wie wir sie in Krefeld auf den kiesig-sandigen, trockenen Lagen des Hülser Berges antreffen (Abb. 2). Die Pollendiagramme der Nacheiszeit belegen die Kiefern als Pflanzenart des natürlichen Vegetationsbildes für den gesamten Zeitraum der letzten 10.000 Jahre in solchen Arealen (REHAGEN 1963). Oft sind dies Biotope, in denen auch ein trockener Eichen-Buchenwald mit Übergängen zum Eichen-Birkenwald dominieren kann.

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Abb. 2: Waldkiefer Pinus sylvestris L.

Baumgruppe im Bereich der Schlufftrasse am Hülser Berg

Der lange Zeitraum, in dem eine Pflanzenart existiert, bedeutet in der Regel eine enge Anpassung und Spezialisierung von Tierarten an diese Pflanze. Dies ist auch bei den heimischen Waldkiefern unseres Naturraumes eingetreten. Eine Anzahl von Schmetterlingsarten fressen als Larven (Raupen) ausschließlich Kiefernnadeln, gleiches gilt für manche Blattwespen. Im Holz der Kiefer bohren und nagen bestimmte Bockkäfer, Borken- und Prachtkäfer. Unter der Rinde leben räuberische Netzflügler und andere Insektengruppen, die hier den holzfressenden Arten nachstellen. In jedem Stadium seiner Existenz, von der Jungpflanze über den mächtigen, gesunden Baum, bis hin zum mehrhundertjährigen, langsam kränkelnden Altbaum und der bereits weitgehend abgestorbenen Baumruine bietet die Kiefer einer speziellen, arten- und individuenreichen Lebensgemeinschaft ganz bestimmter Arten eine Existenzgrundlage. Eine Reihe dieser an Kiefern gebundenen Arten stehen heute leider bereits auf den Roten Listen der gefährdeten oder sogar schon ausgestorbenen Tierarten.

 

Die Waldkiefern auf dem Hülser Berg finden wir in kleineren Gruppen von einzelnen bis ca. 50 Exemplaren, insgesamt vielleicht noch mehrere hundert Bäume. Die ältesten wurden wahrscheinlich bei der Aufforstung des Berges zur Jahrhundertwende angepflanzt. Das Alter der Bäume reicht von ca. 30 bis etwa 100 Jahre, nur wenige sind bereits 100 Jahre alt. Auch die Kiefern werden in Krefeld forstwirtschaftlich genutzt, so wurden z.B. im Bereich der Molenaarschen Anlagen im Oktober 1997 acht ältere Bäume vom Grünflächenamt gefällt. Die forstliche Umtriebszeit beträgt nur 100-120 Jahre und liegt damit weit unterhalb des Alters, den diese Baumart bei natürlicher Existenz erreichen könnte und Zerfallsstadien, d.h. Baumruinen werden zu oft gar nicht erhalten.

Mit den Kiefern ist es aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes ähnlich wie bei vielen anderen Pflanzenarten. Am unpassenden Standort gepflanzt, oder gar in Monokulturen intensiv genutzt, laufen sie den Interessen einer zeitgemäßen "Behandlung" von Natur und Landschaft in Natur- und Landschaftsschutzgebieten zuwider. Am richtigen Standort erhalten, in ein naturnahes Waldbild integriert, gezielt im passenden Areal neu gesetzt und vor allem dann nicht komplett an einem Standort weit vor dem Erreichen ihres natürlichen Alters gefällt, sind sie eine unabdingbare Grundlage für die Erhaltung bestimmter Tierarten in unserem Naturraum (SORG, STENMANS et al. 1999).

 

Die o.g. Daten wenigstens ansatzweise zu berücksichtigen, sollte eine der Grundlagen für eine Diskussion um die Präsenz von Waldkiefernbeständen an passenden Standorten auch im Bereich der Stadt Krefeld sein. Dies vor allem dort, wo - wie auf dem Hülser Berg - entsprechende Bestände bereits vorhanden sind und man auf diesem Potential gezielt im Rahmen einer naturnahen Gestaltung und Pflege der Waldbiotope aufbauen könnte.

 

Die Bockkäferarten Anastrangalia (Leptura) sanguinolenta L. und Arhopalus (Criocephalus) ferus (MULSANT) sowie der Nachtfalter Panthea coenobita ESP., als typische, an Kiefern - als Nahrungsgrundlage - gebundene Arten (Abb. 3-5) gelten im hiesigen Naturraum bereits als verschollen bzw. ausgestorben. Sie sind zuletzt vor vielen Jahrzehnten als Nachweise für Krefeld ermittelt worden. Wir werden auch bei allen denkbaren Anstrengungen vielleicht nicht mehr persönlich erleben, diese interessanten Tiere hier nochmal lebend sehen zu dürfen. Im Rahmen eines nachhaltigen Lebensraumschutzes und einer fachlich fundierten Biotop- und Landschaftspflege sollten wir jedoch zumindest versuchen zu vermeiden, daß auch noch viele weitere, zum Teil auch bereits als regional gefährdet geltende Tierarten hier zwangsweise dasselbe Schicksal erleiden müssen.

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Abb. 3: Bockkäfer Anastrangalia (Leptura) sanguinolenta L.

Zuletzt in Krefeld im vorigen Jahrhundert von dem Entomologen VOM BRUCK festgestellt (FÖRSTER 1849).

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Abb. 4: Bockkäfer Arhopalus (Criocephalus) ferus (MULSANT).

Letzter Nachweis in Krefeld durch PUHLMANN im Jahr 1924, das Belegexemplar befindet sich im Museum Alexander Koenig in Bonn (BAUMANN 1997).

 

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Abb. 5: Nachtfalter Panthea coenobita ESP., deutscher Name Klosterfrau.

Letzte Fundmeldung aus dem Jahr 1941 für Krefeld-Hüls, veröffentlicht durch STAMM (1981).

Sicherlich ist es sehr informativ, durch die verdienstvolle Tätigkeit von Naturkundlern und Entomologen, die bereits seit der Jahrhundertwende in Krefeld sehr aktiv Daten gesammelt haben, genau zu wissen, welche Arten einstmals hier gelebt haben und heute noch leben. Sehr viel besser wäre es jedoch, diese zumeist ja bereits veröffentlichten Daten auch zu nützen, um das Potential zu erkennen, daß dieser Naturraum bei fachlich richtiger Bewertung und geigneter Gestaltung bieten könnte. Unterstützt werden sollten die Bestrebungen der Biologischen Station Krefeld um die nachhaltige Erhaltung der Präsenz von Waldkiefern im Bereich des Hülser Berges.

 

Literatur:

BAUMANN, H. (1997): Die Bockkäfer (Coleoptera, Cerambycidae) des nördlichen Rheinlandes.- Decheniana Beih., 36: 13-140; Bonn.

FÖRSTER, A. (1849): Übersicht der Käferfauna der Rheinprovinz.- Verh. d. Nat. Ver., 6: 381-500; Bonn.

REHAGEN, H.W. (1963): Spät- und nacheiszeitliche Vegetationsbilder aus dem Niederrheingebiet.- Niederrh. Jb., 6: 31-46, 4 Abb., 1 Taf.; Krefeld.

SORG, M. (1986): Grabwespen der Gattung Passaloecus aus fossilen Harzen (Hymenoptera, Sphecoidea, Pemphredoninae).- Paläont. Z., 60(3/4): 277-284, 7 Abb.; Stuttgart.

SORG, M., STENMANS W. et al. (1999): Aspekte der Lebensgemeinschaft der Waldkiefer (Pinus sylvestris L.).- In Vorbereitung.

STAMM, K. (1981): Prodomus der Lepidopterenfauna der Rheinlande und Westfalens.- Selbstverlag; Solingen.

 

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Stand: 15. November 1999